Von der Glückseligkeit, gut zu schlafen

Nachts um drei schrecke ich hoch. Ich hatte diesen bescheuerten Traum, in dem man dringend irgendwohin muss, aber einfach nicht vom Fleck kommt: Im Traum schaffte ich es nicht, meinen Koffer fertig zu packen, rannte einem Zug hinterher, der ohne mich losfuhr und jetzt bin ich wach, gestresst und mir ist heiß. Ich stehe auf, trinke einen Schluck Wasser, atme durch und lege mich wieder hin. Da kreiselt durch meinen Kopf, was ich morgen erledigen muss, worüber ich mir aktuell Sorgen machen könnte und das beklommene Gefühl aus dem doofen Traum will nicht verschwinden.

Am nächsten Morgen bin ich gerädert und schlecht gelaunt. Erst nach der dritten Tasse Kaffee hellt sich mein Gemütszustand ein klein wenig auf.

Wie wahnsinnig schön ist es dagegen, wenn mein Kopf abends um elf auf mein Kopfkissen fällt, ich kuschle mich ins Bett, sinke zehn Minuten später in tiefen Schlaf, träume vom Sonnenuntergang in Portugal und wache acht Stunden später ausgeruht, fröhlich und voller Energie wieder auf. Das ist die pure Glückseligkeit, besonders wenn ich in der Nacht zuvor das Szenario Nummer Eins erlebt habe.

Und ich frage mich: Sind es nicht genau genommen diese Dinge, die mich tatsächlich glücklich machen? Die kleinen, unspektakulären Dinge, die ich häufig wenig beachte, die aber mit leisen Tönen beständig für meine Zufriedenheit sorgen und nicht nur kurz?

Und während ich so darüber nachdenke, stelle ich fest: Klar gibt es besondere Momente, die ein stärkeres und größeres Glücksgefühl auslösen als die Tatsache, dass ich gut geschlafen habe. Der spektakuläre Ausflug mit Freunden zu Holiday on Ice. Ein gigantischer erster Kuss unter dem Sternenhimmel. Ein unglaubliches Black Angus Rumpsteak. Übernachten in der Oase Sangalle im Colca Canyon in Peru. Da tanzen die Glückshormone Limbo in meinem Körper – für diesen einen Abend.

Was ich mir aber tatsächlich von ganzem Herzen wünsche, ist ein glückliches Leben. Ein komplettes, ganzes glückliches Leben. Und das kriege ich nicht hin, wenn ich von Highlights lebe. Die können mein Leben zusätzlich bereichern. Aber dass es jeden Tag aufs Neue glücklich ist, das schaffen diese Dinge: die Freunde, die sich jede Woche wieder Zeit für mich nehmen – auch für einen Kaffee in der Stadt, einen Abend mit Pizza und einem Film oder eine Runde Joggen durch den Park. Der Mann, der mir jeden Tag einen Kuss gibt und mir ein Lächeln schenkt – auch in einer dreckigen Küche, in der sich gerade das Geschirr stapelt. Jeden Tag etwas Leckeres zu essen – von Reis mit Eiern und grüner Soße über Nudeln mit Tomatensoße oder selbstgemachtem Flammkuchen. Und dass ich gut schlafe – in meinem Bett, von Montag bis Sonntag, zwar ohne peruanischen Sternenhimmel über mir, aber gemütlich und erholsam und so, dass ich am nächsten Tag Lust auf einen neuen Tag habe. Einen neuen Tag in einem glücklichen Leben.

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Ein Hauch Wahnsinn

Am Sonntagabend um 20:00 Uhr klingle ich an deiner Tür. „Komm, wir machen einen Ausflug“, sage ich zu dir, als du die Tür öffnest. „Ach ja?“ Du grinst mich an. „Ja, auf geht’s!“ Eine halbe Stunde später sitzen wir unter dem Sternenhimmel im Gras auf einer Picknickdecke. Wir trinken Wein aus einem Pappbecher und ich lege meinen Arm um dich.

Es ist Samstagnachmittag und regnet in Strömen. Wir sitzen auf der Couch und gucken aus dem Fenster in Richtung des graublauen Himmels und der weißen Wolken. Du stehst auf, nimmst meine Hand und ziehst mich vom Sofa. „Komm, wir tanzen im Regen!“ – „Wir machen was?“ – „Wir tanzen im Regen.“ Du öffnest meine Balkontür, drehst die Musik laut an dem Lautsprecher, der auf der Kommode direkt neben der Tür steht, und ziehst mich nach draußen. Regentropfen prasseln auf uns runter und innerhalb von zehn Sekunden sind wir platschnass. Du lachst, legst deine Arme um mich und tanzt mit mir über meinen Balkon.

Du fliegst für eine Woche nach Schweden. Ich bringe dich zum Flughafen, parke mein Auto mehr schlecht als recht am Rand vor der Eingangstür und steige mit dir aus. Das Auto hinter uns kommt an meinem nicht wirklich gut vorbei. Der Fahrer hupt. Ich gehe zu dir und küsse dich. Das Hupen wird lauter. Ich küsse dich noch mehr. Die Leute um uns rum schleifen ihre Koffer an uns vorbei und sehen uns irritiert an. Erneut hupt es. Ich grinse und küsse dich noch einmal, bevor ich dem hupenden Menschen ein Lächeln schenke und in mein Auto steige.

Ich habe zu viel Arbeit. Eigentlich bräuchte ich eine Pause. Am Freitagabend holst du mich ab, mit Gepäck im Kofferraum. „Wir gehen dieses Wochenende surfen“, erklärst du mir. „Wir gehen surfen?“, frage ich skeptisch. „Ja, ich hab nachgesehen, die Wellen in Garraf morgen sind super. In zwei Stunden geht der Flug nach Barcelona.“ Mein ungläubiges Staunen verwandelt sich in ein riesengroßes Glücksgefühl, als ich mit dir am Flughafen am Gate sitze.

Liebe braucht einen Hauch Wahnsinn, sonst ist es keine Liebe, habe ich mal gelesen. Und irgendwie stimmt das.

Natürlich wäre es höflicher, ich rufe dich vorher an, bevor ich unangemeldet an deiner Tür aufkreuze. Und frage erst, ob du denn Lust hättest, einen Ausflug zu machen. Oder ob du lieber „Tatort“ gucken wolltest am Sonntagabend.

Selbstverständlich ist es eine der kitschigsten Ideen aller Zeiten, gemeinsam im Regen zu tanzen. (Ich konnte beim Schreiben regelrecht spüren, wie 37% der Frauen und 93% der Männer mit den Augen rollen, wenn sie das lesen.) Und trotzdem bleibe ich dabei, dass das umwerfend toll sein kann.

Mir ist auch klar, dass sich Kussszenen am Flughafen, die noch dazu den Verkehrsfluss beeinträchtigen, nah an der Grenze zur Erregung öffentlichen Ärgernisses abspielen.

Und ja, ich gebe zu, den Spontan-Flug nach Barcelona zum Surfen habe ich (bisher) noch nicht wirklich erlebt, sondern gerade erfunden. Dass er bei mir ein riesengroßes Glücksgefühl auslösen würde, weiß ich aber dennoch.

Denn, wann sollten wir verrückt sein, wenn nicht dann, wenn wir verliebt sind? Mal nicht tun, was man macht, sondern was wir wollen? Ein bisschen weniger Vernunft und dafür ein paar mehr Geschichten, die wir später unseren Enkeln erzählen können.

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Was passiert, wenn ich für einen Fremden ein Buch im Café lasse?

Bei einem Stadtbummel fiel mir ein Buch in die Hände: „Surprise yourself“ von Lisa Currie, mit dem wunderbaren Untertitel „Get out of your head & into the world“, raus aus deinem Kopf und rein in die Welt. Darin schlägt sie verschiedene Aktivitäten vor, um etwas Neues auszuprobieren und dafür zu sorgen, dass jeder Tag zählt.

Das Buch gefiel mir auf Anhieb, weil es unzählige schöne Ideen enthält. Eine davon: Lass ein Buch für einen Fremden liegen – auf einer Parkbank, im Zug oder im Café. Zusammen mit einer Nachricht, was du an dem Buch mochtest und warum du dich dazu entschieden hast, es an jemand anderen weiterzugeben.

Die Idee fand ich cool. Ein Buch, das ich mag, für jemanden dazulassen – ohne dass ich weiß oder erfahre für wen.

Also habe ich es ausprobiert, um die spannende Frage zu beantworten: Was passiert eigentlich, wenn ich ein Buch für einen Fremden liegen lasse?

Erstmal durchforste ich mein Bücherregal und stoße auf „Eine einzige Reise kann alles verändern“ von Katja Büllmann. Dieses Buch besitze ich schon bald zehn Jahre. Als ich es kaufte, ermutigte es mich, möglichst oft zu reisen. Es enthält verschiedene Geschichten von Menschen, die auf Reisen gingen und erzählen, was sich dadurch in ihrem Leben verändert hat. Ich mag das Buch immer noch, brauche es aber eigentlich nicht mehr. – Meine Reiselust ist inzwischen derart in mir verankert, dass ich sie wohl in diesem Leben nicht mehr loswerde. Aber vielleicht bringt das Buch ja noch jemanden auf die Idee, sich mehr von der Welt anzuschauen?

So oder so ähnlich schreibe ich das auch auf die Nachricht zum Buch. Packe es in meine Tasche und schlendere an einem sonnigen Nachmittag durch die Fußgängerzone, vorbei an meinem Lieblingscafé. Dort würde ich das Buch gerne lassen: Hier habe ich schon viele schöne Stunden mit guten Unterhaltungen und leckerem Latte Macchiato verbracht. Ich gehe rein, hole mir an der Theke einen Kaffee, setze mich an einen Tisch und packe das Buch samt Nachricht aus.

Ein bisschen eigenartig ist sie plötzlich schon, die Idee, das Buch beim Gehen einfach da zu lassen. Soll ich das wirklich machen? Sieht das dann jemand und rennt mir gleich hinterher, weil ich das Buch „vergessen“ habe? Wer wird es wohl finden, ein Gast oder eins der Mädels, die an der Theke arbeiten?

Ich stelle plötzlich fest: Die Idee erfordert etwas Mut. Ein kleiner Nervenkitzel ist dabei.

Trotzdem – oder auch gerade deswegen – stehe ich schließlich relativ entschlossen auf, lasse das Buch auf dem Tisch liegen, bringe meine leere Kaffeetasse zur Theke und gehe nach draußen.

Und ich stelle fest: Irgendwie ist das wirklich cool. Lächelnd gehe ich nach Hause, freue mich, dass ich mich getraut habe und finde die Idee wunderschön, dass jemand anderes das Buch findet und sich vielleicht darüber freut. Vielleicht liest er oder sie es und findet darin ein bisschen von der Inspiration, die ich fand. Vielleicht fragt sie oder er sich, wer das Buch da gelassen hat. Vielleicht gefällt ihm oder ihr die Idee. Vielleicht versucht sie oder er es sogar selbst einmal.

Vielleicht macht das die Welt ein bisschen schöner und aufregender und interessanter. Denn es sind die kleinen Veränderungen, die vielleicht irgendwann auch etwas Großes bewirken.

Ich jedenfalls bekam an diesem Tag ein kleines Glücksgefühl.

PS: Wenn ihr es auch ausprobiert: Schreibt mir gerne! Ich bin gespannt! 🙂

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Und niemand will Geld dafür

Ich stehe in Rota am Strand und schaue auf den Atlantik. Mein Blick schweift bis zum Horizont. Der Himmel ist tiefblau genauso wie das Meer. Nur der Ausschnitt, an dem die Sonne langsam Richtung Wasser hinabsinkt, leuchtet orangerot. Die letzten Sonnenstrahlen glitzern auf den Wellen. Der Wind weht sanft durch meine Haare und streicht sie mir aus dem Gesicht. Meine Schuhe habe ich ausgezogen und vergrabe meine Zehen tief im weichen Sand. Ich höre die Wellen heranrauschen, leiser werden, wenn sie zurückrollen und neuen Anlauf nehmen; und lausche, wie das Rauschen von neuem erklingt.

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