Sei unbeirrbar

Schon vor einigen Jahren hat mir einer meiner Lieblingsmenschen ein Buch geschenkt: „Die Weisheit Lateinamerikas“. Es gehört zu den Büchern, die ich heute noch genauso inspirierend finde wie beim ersten Lesen. Darin ist ein Zitat des argentinischen Schriftstellers Roberto Juarroz zu finden. Es lautet: „Man muss eine innere Sicht von jeder Sache erlangen. Man muss diese innere Sicht sein.“

In den Jahren, die vergangen sind, seit ich das Buch geschenkt bekam, hat dieses Zitat für mich immer mehr an Aktualität gewonnen.

Die Welt ist laut und die kritischsten Stimmen tönen oft am massivsten – sei es aus berechtigten Motiven oder doch eher aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Das macht es schwer, den eigenen Standpunkt zu finden. Begibt man sich auf die Suche nach der nötigen Ruhe und Ungestörtheit, um eigene Erkenntnisse zu entwickeln, so stellt sich immer noch die Frage, wie man sie behält und ausbaut, wenn nachher wieder die Welt dröhnt.

Da hilft vielleicht tatsächlich nur, zur inneren Sicht dessen zu werden, woran man glaubt. Unbeirrbar zu sein.

Das heißt nicht, dass ich alles stur ignoriere, was andere Menschen an mich herantragen; aber es bedeutet, dass ich mich nicht be-irren lasse: Ich lasse mich von anderen nicht in die Irre führen. Ich unterscheide zwischen den Irrlichtern, die mich von der passenden Route abbringen wollen und jenen, die wie die Sterne am Himmel den richtigen Weg weisen.

Das heißt auch nicht, nie mehr zu zweifeln. Es ist mehr ein fest verankertes Bauchgefühl, das mir sagt: Mein Leben passt zu mir. Der Weg, den ich entlanggehe, ist für mich der richtige. Die Prioritäten, die ich setze, entsprechen meinem Wesen.

Deshalb kann ich unbeirrbar sein; deshalb kann ich zu der inneren Sicht meiner Überzeugungen werden: Weil ich mich nicht von der Idee in die Irre führen lasse, die Ansichten der anderen seien höher zu bewerten als die Frage, ob ich mich wohl in meiner Haut fühle. Weil ich begriffen habe, dass meine Überzeugungen zu mir passen müssen; denn ich bin die Einzige, die mein Leben lebt und die hoffentlich am Ende damit einverstanden und zufrieden ist.

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Was du von deinem 17jährigen Ich lernen kannst

Ich war 17, als ich in den Sommerferien auf einer Ferienfreizeit in Assisi war. Mit dem Reisefieber bin ich schon auf die Welt gekommen – und mit meinen Eltern und meinem Bruder nicht weiter als bis Garmisch-Partenkirchen. Aber weil die Frau ja selbst ist, und Teenies sich ungern von den Umständen aufhalten lassen, verschlug es mich dennoch mit 14 in die Provence (zusammen mit meiner besten Freundin und deren Eltern), mit 15 auf eine Ferienfreizeit nach Rügen und mit 17 dann nach Assisi. Ich kannte vorher sonst niemanden, der dort mitfuhr, doch das störte mich wenig. Ich hatte diese Furchtlosigkeit, ich war abenteuerlustig, ich dachte mehr darüber nach, dass ich etwas von der Welt sehen wollte, als darüber, was eventuell schwierig sein könnte.

Und deshalb erlebte ich diesen magischen Tag, an dem wir auf den Monte Subasio wanderten. Um 5 Uhr früh wollten wir losgehen, um den Sonnenaufgang auf dem Berg zu erleben. Wir waren seit fünf Tagen in Assisi. Neue Freunde, die das auch für die nächsten Jahre bleiben sollten, hatte ich schon getroffen. Außerdem diesen Jungen, der mein Herz höher schlagen ließ und an dessen Bett ich nun stand, um ihn aufzuwecken: Hatte er mir doch am Abend vorher erklärt, das Vernünftigste wäre, ich würde ihn morgen früh wecken; er wolle sich keinen Wecker stellen, weil seine beiden Kumpels, mit denen er sich das Zimmer teilte, nicht mit auf den Berg und länger schlafen wollten. Während meine Zimmerkollegin mitkam, sodass wir einen Wecker stellen und ich dann rüberkommen könnte, um ihn aufzuwecken.

Wie glücklich einen sowas mit 17 macht. Absurd glücklich, weil der Junge, in den man sich verguckt hat, von einem aufgeweckt werden möchte.

Und genauso war auch dieser Tag: Voller Freude, Begeisterung und Glück. Die Wanderung auf den Monte Subasio, gemeinsam mit der aufgehenden Sonne, war atemberaubend schön. Die Gespräche mit neu gewonnenen Freunden waren unbeschwert und von einer Leichtigkeit, die es jenseits der 20 nicht mehr so oft geben sollte. Und das Funkeln in den Augen desjenigen, den ich morgens geweckt hatte, zaubert mir beim Gedanken daran auch heute noch ein leises Lächeln aufs Gesicht.

So einfach war das damals. Unkompliziert. Klar. Total lebendig.

Deshalb glaube ich, dass wir von unserem 17jährigen Ich eine Menge lernen können. Ich glaube, nicht nur ich war damals furchtloser und habe mir weniger Gedanken gemacht. Es ist mit 17 viel selbstverständlicher, man selbst zu sein und sich nicht unnötig weit von dem zu entfernen, wofür das eigene Herz schlägt. Man zergrübelt nicht, was man möchte; man weiß es einfach. Man ist klar in seinen Ansichten. Man verliebt sich und findet es aufregend, ohne große Vorbehalte, Eile oder Fragezeichen im Kopf; schließlich ist man vollauf damit beschäftigt, einfach zu genießen, dass man verliebt ist. Man glaubt, dass Träume wahr werden können. Man hat Freunde, mit denen man sich verbunden fühlt und mit denen man ganz selbstverständlich zusammen ist, ohne Terminkalenderabgleich. Man hat einen noch unverstellten Zugang zum Leben.

Darum frage ich manchmal, wenn mir alles sehr komplex vorkommt, die 17jährige Karina, was sie eigentlich davon hält. Und oft bekomme ich von ihr erstaunlich einfache und klare Ideen.

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Denk das nicht

Andreas ist Programmierer. Er arbeitet bei einer großen Firma und ist echt erfolgreich. Erst vor kurzem wurde er zum Projektleiter befördert. Doch wenn er davon erzählt, fehlt das Strahlen in seinen Augen. Eigentlich müsste er zufrieden sein. Kontinuierlich macht er Karriere, seit er mit der Schule fertig ist. In einem angesehen Job, sozusagen wie sich das für Männer gehört. Andreas Augen funkeln, wenn er vom Fußball mit den 10jährigen erzählt, die er zweimal pro Woche abends trainiert. Wie viel Spaß das macht, mit Kindern zu arbeiten, die Begeisterung der Jungs für den Sport, seine unerschöpflichen Ideen fürs Training… Vielleicht wäre er glücklicher in einem Job mit Kindern. „Das geht nicht. Ich kann keinen anderen Beruf lernen. Damit verdient man kein Geld. Das hat keine Zukunft“, denkt Andreas.

„Denk das nicht“, flüstert sein Herz.

Isabell ist sehr liebevoll. Grade hat sie sich getrennt. Verbitterung schwingt mit, als sie von der Gleichgültigkeit ihres Ex-Freundes erzählt. Außer Arbeit und dem Feierabendbier mit Kumpels interessiere ihn nichts. In zwei Jahren Beziehung haben sie noch nicht einmal zusammen Urlaub gemacht. „Männer sind egoistisch. Sie kreisen nur um sich selbst und sind gefühlskalt. Beziehungen haben keinen Sinn“, denkt Isabell.

„Denk das nicht“, flüstert ihr Herz.

Jenny möchte ein halbes Jahr nach Südafrika. Sie fühlt sich nicht mehr wohl im kalten Europa und vermisst nicht nur Sonnenschein, sondern auch Herzlichkeit und Lebensfreude. Ein halbes Jahr Auszeit, ein halbes Jahr für eine Tierschutzorganisation arbeiten und mal etwas völlig anderes tun… Das bräuchte sie jetzt. „Du kannst nicht einfach ein halbes Jahr weg. Du wirst auf der Arbeit kein halbes Jahr frei kriegen. Du kannst das nicht finanzieren. Du verschwendest mit sowas deine Zeit“, denkt Jenny.

„Denk das nicht“, flüstert ihr Herz.

Simon singt gerne und das auch sehr gut. Da erzählt ihm eine Freundin, in der Band ihres Bruders wird ein neuer Sänger gebraucht. Die Band spielt auch in kleinen Clubs und hat für die nächsten Wochen schon einige Auftritte, für die sie jetzt dringend jemanden braucht, der einspringt. Wenn Simon mit ihnen probt, könnte er schon bald auf einer Bühne vor Publikum stehen. Eigentlich wünscht er sich so eine Chance. „So gut bin ich nicht. Ich habe zu viel Lampenfieber. Ich werde mich blamieren. Ich kann das nicht“, denkt Simon.

„Denk das nicht“, flüstert sein Herz.

– Was wir denken hat einen direkten, oft durchschlagenden Effekt auf uns, egal ob es nun wahr ist oder nicht. Vielleicht ist der größte Gefallen, den wir uns selbst tun können, bestimmte Gedanken nicht zu denken. Und sie im besten Fall durch andere, positive Gedanken zu ersetzen. „Ich darf mir einen Beruf suchen, der mich glücklich macht.“ „Ich darf mich umentscheiden und nochmal etwas Neues probieren.“ – „Es gibt auch andere Männer (oder Frauen).“ „Nicht jeder ist so.“ „Beim nächsten Mal läuft es anders“. – „Wenn ich eine Auszeit brauche, kriege ich das hin.“ „Zu tun, was mich glücklich macht, kann niemals Zeitverschwendung sein.“ „Ich finde eine Lösung“. – „Ich kann das.“ „Ich schaffe das.“

Wie anders die Welt aussieht, wenn wir anders denken.

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„If you could see yourself like others do…

… You’d wish you were as beautiful as you“. So lauten zwei Zeilen aus dem Song „Ugly“ von Jon Bon Jovi. 20 Jahre ist das Lied jetzt alt und immer noch zaubern mir diese beiden Zeilen ein Lächeln aufs Gesicht: „Wenn du dich so sehen könntest wie andere dich sehen, würdest du dir wünschen, du wärst so schön wie du.“

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