Dieser Sch*** Neid

Eine Freundin von mir arbeitet in einer großen Firma. Dort gilt die Regelung, dass nicht jeder Mitarbeiter seine Arbeitszeit per Stechuhr erfassen muss. Ab einer bestimmten Gehaltsgruppe gibt es „Vertrauensarbeitszeit“, bei der nicht gestochen, sondern die Arbeitsstunden einfach selbst aufgeschrieben werden.

Meine Freundin befindet sich gerade so über der Gehaltsgrenze, bei der sie nicht an die Stechuhr zu gehen braucht.

Vor einiger Zeit erzählte sie mir, dass das dazu führt, dass sie zwar jede Menge Überstunden hat, diese aber nie aufschreibt. Als ich sie fragte, wieso das denn, erzählte sie mir, dass sie früher ihre Überstunden mit auflistete, es aber wegen ihrer Kollegen irgendwann aufgegeben hat. Die liebste Beschäftigung ihrer Kollegen besteht nämlich darin, sich darüber auszulassen, dass die Mitarbeiter, die nicht an die Stechuhr müssen, ganz sicher mehr Stunden aufschreiben als sie tatsächlich arbeiten. Dass die Kollegin letzte Woche vier Überstunden gemacht hat, kann nicht sein. Das muss geschummelt sein. Keine Kaffeepause vergeht ohne die berauschende Frage: „Die Susi hat angeblich schon wieder 20 Überstunden. Kannst du dir vorstellen, dass das stimmt? Die geht doch immer schon um 17 Uhr nach Hause!“

In der Firma gilt außerdem Gleitzeit. Eine Kollegin meiner Freundin arbeitet am liebsten von 6:30 bis 15:30 Uhr. Sie ist eine Frühaufsteherin und sitzt gerne schon so bald am Schreibtisch, um nachmittags noch etwas vom Tag zu haben.

Auch ihr machen die Kollegen das Leben schwer. Und zwar die Kollegen, die morgens nie vor neun auf der Arbeit eintrudeln (wo die Frühaufsteherin schon seit zweieinhalb Stunden arbeitet). Nimmt die junge Frau dann um 15:30 Uhr ihre Tasche, um nach Hause zu gehen, erntet sie Tag für Tag, von Montag bis Freitag, boshafte Kommentare darüber, wie es sein könne, dass sie am helllichten Tag bereits die Firma verlässt. Sie gehört sogar zu denjenigen, die die Stechuhr benutzen müssen. Doch das bewahrt sie nicht vor den Anfeindungen der Kollegen, sodass sie meiner Freundin anvertraute, sie denke schon darüber nach, später anzufangen und länger zu bleiben (auch wenn sie das eigentlich gar nicht wolle), weil sie das unkollegiale Verhalten und die blöden Sprüche nicht länger ertrage.

Deswegen gibt es heute diesen Text mit Piepton in der Überschrift. Denn etwas anderes als „Dieser Sch*** Neid“ fällt mir zu der ganzen Geschichte nur schwerlich ein.

Ich finde es unerträglich, wie unmenschlich einige Artgenossen sich verhalten, nur weil sie vor Neid grün anlaufen.

Wenn ich auch gerne über die Gehaltsgrenze klettern würde, bei der ich nicht mehr an die Stechuhr muss, erreiche ich das doch nicht dadurch, dass ich jeden des Betrugs verdächtige, der es geschafft hat.

Wenn ich selbst gerne um 15:30 Uhr in den Feierabend tänzeln würde, klappt das doch nicht dadurch, dass ich meinen Hintern erst um 8:15 Uhr aus dem Bett schwinge, dafür aber die Kollegin diffamiere, die zwei Stunden vor mir heimgehen kann, weil sie auch zwei Stunden vor mir aufgestanden ist.

Liebe Leute, die sich bedauerlicherweise so verhalten wie die unkollegialen „Kollegen“ in der Firma meiner Freundin: Neid hat noch nie jemandem dazu verholfen, dass seine Wünsche in Erfüllung gegangen sind.

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Dich selbst erleben

Gemeinsam sein ist schön. Verbringen wir Zeit mit anderen, besteht die Chance, dass etwas Neues entsteht. Unser bester Freund bringt uns auf eine Idee, die wir bisher noch gar nicht hatten. Unsere Kollegin weiß, welche verschiedenen Möglichkeiten es gibt, ein Projekt anzupacken. Ein Abend mit den Mädels heitert mich auf, wenn ich gerade Gefahr laufe, Trübsal zu blasen. Und das ist toll.

Andere zu erleben kann bereichernd und spannend sein. Sind wir verliebt, ist das Funkeln in seinen braunen Augen schlagartig das interessanteste Thema der Welt. Es gibst nichts Schöneres als herauszufinden, was sie zum Lachen bringt. Zu hören, was er von seinen Reisen nach Südamerika zu erzählen hat, lässt das Herz höher schlagen. Die beste Freundin, die wunderbarerweise nie um eine Antwort verlegen ist, ist eine Inspirationsquelle für die eigene Schlagfertigkeit. Mit dem Kumpel um die Häuser zu ziehen, der mit seinem Charme jede Frau aus der Reserve lockt, ist hochgradig faszinierend.

Es ist schön, einen anderen Menschen zu erleben. Und es ist wunderbar, sich selbst zu erleben.

Bei aller Faszination für Menschen um uns herum, mit Schmetterlingen im Bauch, einer Wagenladung Zuneigung für unsere besten Freunde und aller Neugier, was andere in ihrem Leben so anstellen – sollten wir nicht vergessen, auch uns selbst zu erleben. Unsere Facetten. Unsere Farben. Unsere Besonderheiten und unsere Einzigartigkeit.

Worin die eigene Faszination besteht, kriegen wir raus, wenn wir uns selbst Beachtung schenken. Ich weiß noch, wie ich mit 15 zum ersten Mal am Meer stand und die Augen nicht abwenden konnte von der Sonne, die auf den Wellen glitzerte und dem blauen Wasser, das sich bis zum Horizont erstreckte. Interessiert stellte ich fest, wie von jetzt auf sofort die Liebe zum Meer erwachte. – Sie ist bis heute geblieben.

Wenn ich Sachen lese, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe, freue ich mich gelegentlich selbst über meine eigene Klarheit; darüber, dass ich Dinge auf den Punkt bringen kann.

Was auf Fuerteventura mit dem Kauf eines leuchtendgelben Rocks begann, der vorne mithilfe von fünf großen braunschwarzen Knöpfen zugemacht wird, setzt sich munter in meinem Kleiderschrank fort: das schwarze Top mit den Alpakas drauf, die knallrote Hose, der strahlendblaue Pulli, auf dem groß geschrieben steht „TODAY IT’S YOUR DAY“ – irgendwann stellte ich fest, dass ich bunte, originelle Klamotten viel lieber mag als unauffälliges Dunkelblau, Schwarz und Weiß.

Ich sehe mir zu, nach welchen Büchern ich im Buchladen greife, welche Musik bewirkt, dass ich durch die Küche tanze; ich stelle fest, dass ich ein Mensch bin, der gerne zu lauter Musik durch die Küche tanzt; ich erlebe, wie mich Schreiben, Tanzen und Sich-die-Welt-Angucken in riesengroße Begeisterung versetzt – und ich finde das spannend. Es fasziniert mich, wer ich wirklich bin.

Und ich denke, das kommt auch allen anderen zugute.

Jeder Mensch, der sich selbst erlebt, sich mit sich befasst, seine Facetten und sich selbst zum Vorschein bringt, tut auch allen anderen einen riesigen Gefallen: Weil jeder Mensch diese Welt besser und schöner macht, der er selbst ist, mit Begeisterung das tut, was ihm entspricht, und deshalb zufrieden durchs Leben geht.

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Einfach leben

Eine entscheidende Sache, die meine Mama mir über Glück und Gelassenheit beigebracht hat, besteht aus zwei Worten: Einfach leben.

Es sind zwei Worte, die gleich doppelt deutlich machen, wie ich mir viele Sorgen und Grübeleien ersparen und an ihre Stelle Leichtigkeit und Zufriedenheit setzen kann.

Indem ich einfach lebe: Jeden Tag das, was kommt. Es reicht in den allermeisten Fällen nämlich völlig, sich mit dem zu beschäftigen, was gerade ist. All unsere Zukunftsvisionen im Kopf, unsere Befürchtungen und unsere Hoffnungen, unsere Ideen und unsere Erwartungen sind nicht das Leben. Sie sind Phantasie. Wir denken sie uns aus, während das Leben weitergeht. Zu viel im eigenen Kopf zu leben, kann bewirken, das echte Leben zu verpassen. Die Tasse Kaffee, die gerade leibhaftig vor mir steht, während ich überlege, ob ich die Küche putzen müsste. Dass ich gerade gar keine Geldsorgen habe, kann mir völlig entfallen, wenn ich ständig nur grüble, ob das wohl in 20 Jahren auch noch so sein wird. Ich vergesse, dass mein Job mir Spaß macht, über all den Sorgen, was passieren könnte, wenn wir eine neue Chefin kriegen. Ich denke darüber nach, was ich noch erreichen will oder muss, welche Entwicklungen ich mir für mein Leben noch vorstellen könnte; und sehe nicht, dass meine Gegenwart schon ganz von alleine in die Zukunft führt. Dass Dinge organisch wachsen. Dass ich meistens nichts dafür tun muss, damit das Leben weitergeht.

Was ich außerdem tun kann, während ich einfach lebe, ist einfach zu leben: Während Geld in der westlichen Welt ein so beherrschendes Thema ist, hat meine Mama mir beigebracht, dass ein erfülltes Leben nicht vom Geld abhängt. Sie sagte mir sogar mal, je mehr Geld man hat, umso mehr Sorgen macht man sich meistens. Deshalb ist der zweite Gefallen, den ich mir tun kann, einfach zu leben. Mit dem, was man zum Leben braucht, aber ohne mir anzugewöhnen, zu viel Geld für Dinge auszugeben, die bei genauerer Betrachtung überflüssig sind. Vielleicht mal die Thermoskanne Kaffee mitzunehmen anstatt ständig auf Coffee to go auszuweichen. Wenn mein Kleiderschrank schon überquillt, eventuell mal nur ein neues Oberteil anzuschaffen und nicht fünf. Weniger Geld für Schnickschnack und Kleinkram auszugeben, sondern lieber für das, was ich wirklich unbedingt will.

Auch das macht zufrieden, weil ich nicht mehr ganz so intensiv übers Bankkonto nachdenken muss. Freier, weil nicht mehr die einzig berechtigte Frage ist, wo möglichst viel Schotter herkommt, sondern auch, was ich grundständig im Leben eigentlich will.

Einfach leben. Diese beiden Worte fallen mir immer ein, wenn ich es mir gerade zu schwer mache. Sie rücken in meinem Kopf die Dinge wieder gerade und bringen mir die Leichtigkeit zurück.

Ich hoffe, euch vielleicht auch.

– Und danke, Mama.

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Wer weiß?

In meinem Regal steht eine Art Schatztruhe: eine Kiste mit Postkarten, Bildern, Briefen und kleinen Andenken. Es sind Karten, die mir Freunde geschickt haben, wenn sie auf Reisen waren. Ein Foto von mir mit drei Jahren, als ich ganz stolz mein kleines, erst vor kurzem auf die Welt gekommenes Brüderchen auf dem Arm halte. Ein Brief meiner Mama, in dem sie mir etwas zu den Fragen geschrieben hat, die ich mir im Leben irgendwann gestellt habe. Die Sonnenbrille, die ich mit 17 in Assisi dabei hatte und die Peter so cool fand.

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Der Zauber der Langsamkeit

Eine Legende aus Asien erzählt, dass jeder Mensch durch einen roten Faden mit einem anderen Menschen verbunden ist. Dieser rote Faden der Liebe kann sich verwickeln, verdrehen, hundertmal die Welt umrunden, aber nie reißen. Es spielt auch keine Rolle, wie viel Zeit vergeht bis die zwei, die so miteinander verbunden sind, sich begegnen oder wie lange es dauert bis sie sich wiedersehen; sie finden sich immer, weil sie durch den roten Faden untrennbar zueinander gehören.

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