Haben oder Erleben?

Sich etwas zu kaufen ist bei uns ein altbewährtes Mittel: um sich zu belohnen oder zu entschädigen, um etwas zu feiern oder sich über etwas hinwegzutrösten. Das lernen wir schon als Kind: Für die Eins in Mathe gibt es zum Beispiel den ferngesteuerten Helikopter oder ein neues Armband. Genauso wie die Großen sich gerne eine neue Handtasche, neue Sportschuhe oder ein neues Tablet zulegen, um den neuen Job zu feiern, dass ein Projekt fertig ist oder die Schwiegermutter wieder abgereist ist.

Es zieht uns ins Einkaufszentrum, wenn wir gefrustet sind, weil die Arbeit keinen Spaß macht, der Mann oder die Frau gerade nicht so nett zu uns ist, wie wir das gerne hätten oder etwas nicht so geklappt hat wie wir wollten.

Wir feiern die Beförderung mit neuen Klamotten und den Hochzeitstag mit einer Kette für sie und einer neuen Uhr für ihn.

Wir trösten uns mit der Großpackung Schokolade-Cookie-Erdbeertraum-Eis, weil er nicht angerufen hat. Oder sie uns nicht mehr sehen will.

Kurzfristig scheint uns das glücklich zu machen. Oft hängen aber auch die neuen Klamotten zwei Wochen später unbeachtet im Schrank. Die Kette hat sie einmal angehabt, dann verschwindet sie im Schmuckkästchen. Das neue Tablet ist nach zehn Tagen genauso wenig besonders wie das alte.

Ich habe mal gelesen, statt sich etwas zu kaufen, sollte man lieber etwas tun, das man gerne tut. Meine Erfahrung ist: Das macht tatsächlich glücklicher.

Nichts gegen eine neue Handtasche oder Sportschuhe oder auch den ferngesteuerten Helikopter fürs Kind. Ganz zu schweigen vom Schokolade-Cookie-Erdbeertraum-Eis. An dem komme ich, selbst wenn ich mich gerade über nichts hinwegtrösten muss, nur schwer vorbei. Aber da ist dieser Unterschied: dieser Unterschied zwischen etwas haben und etwas erleben.

Auf der Wiese im Park, mit Picknickdecke, selbstbelegten Brötchen und meinen Freunden passiert etwas ganz anderes als im Klamottenladen, in der Umkleide mit drei Kleidern, die ich anprobiere.

Der Hochzeitstag verläuft ganz anders, wenn man sich, statt Schmuck auszutauschen, den ganzen Tag Zeit füreinander nimmt; morgens zusammen beim Frühstück sitzt und mal wieder über Gott und die Welt und die Liebe redet; sich anschließend ins Auto setzt und ins Blaue fährt; abends die Musik lautdreht und beim gemeinsamen Kochen durch die Küche tanzt.

Und gerade Kinder strahlen so viel glücklicher, wenn sie mit ihrem Papa oder ihrer Mama auf Bäume klettern, zusammen Kekse backen oder im Park toben. Dieses Lachen befördert kein neues Spielzeug je so zu Tage.

Wenn ich heute Geld ausgebe, tue ich es meisten für Dinge, die ich erleben möchte: Ich bezahle das Flugticket nach Portugal, weil ich den Guincho-Strand wiedersehen, in der Strandbar „Jonas“ in Estoril am Meer sitzen und auf ein Surfbrett steigen will. Ich bezahle das Cola-Bier, weil ich mit Freunden im Biergarten sitze und einen unvergesslichen Nachmittag habe. Ich bezahle die Kinokarte, um mir einen Film anzusehen, der mich daran erinnert, wie schön das Leben ist.

Das alles macht mich glücklich. So glücklich, dass ich dafür gerne auf das ein oder andere „Besitztum“ verzichte.

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Lichtexplosionen

Paulo Coelho schreibt in einem seiner Bücher, dass man, wenn das, was man gefunden hat, echt ist, jederzeit zurückkehren kann. Und wenn nicht, so hat man doch zumindest eine Lichtexplosion erlebt, und das hat sich bereits gelohnt.

Ich habe nichts gegen Lichtexplosionen. Nicht alles muss für die Ewigkeit sein. Es gibt Feuerwerke, die verglühen und was bleibt, ist eine Erinnerung, die mich – im besten Fall – auch zwei Jahre später noch zum Lächeln bringt.

Was mich aber beschäftigt, ist die Frage danach, ob etwas echt ist. Wenn es echt ist, kann ich jederzeit zurückkehren. Wenn es unecht ist, nicht. Wie viel Unechtes ist gut? Ab welchem Punkt macht es mich traurig, wenn heute Abend am schwarzen Nachthimmel Raketen in glitzernde Strahlen explodieren, wenn sie aufleuchten in Rot und Pink, in hellem Blau und glühendem Orange… und morgen bleibt davon nichts übrig?

Ich glaube, wenn es um einen anderen Menschen geht, wünschen sich die meisten von uns, dass das, was sie finden, echt ist. Ich zumindest empfinde so.

Ich möchte nicht das Strohfeuer, dass eine kleine Weile bis zum Himmel lodert und wenn es verlischt, ist es weg.

Ich will nicht den einen magischen Abend, an dem die Erde aufhört, sich zu drehen, die Sterne am Himmel heller leuchten, ich mich in jemandes verzückten Blicks verliere – und ohne Sternenhimmel den Zauber kurz darauf nicht mehr finden kann.

Ich möchte nicht eine Etappe meines Lebens mit jemand anderem zurücklegen, sondern den Weg zusammen gehen. Am liebsten den ganzen, wenn wir Glück haben.

Das wäre dann ein Mann, zu dem ich zurückkehren kann, auch wenn ich mal woanders sein sollte. Der mir etwas bedeutet und ich ihm, nicht nur eben gerade im Moment, sondern auch in einer Stunde, zwei Tagen, in vier Wochen oder nächstes Jahr. Weil wir etwas haben, das echt ist.

Ein Mann, der mich die Welt durchstreifen lässt, ohne dass ich je befürchten müsste, bei meiner Rückkehr ist er nicht mehr da. Im Gegenteil: Er steht mit leuchtenden Augen am Flughafen.

Ein Mann, der zu einer Abenteuertour nach Huahine aufbricht und den ich nach seiner Heimreise fast umschmeiße, weil ich ihn so überschwänglich in meine Arme schließe.

Ein Mann, mit dem ich mich schließlich dazu entscheide, zusammen die Welt zu bereisen und zu bestaunen.

– Und selbst ohne gemeinschaftlich vom Reise-Virus infiziert zu sein: Sich das erste Lächeln des Tages zu schenken, und zwar jeden Tag aufs Neue; über alles zu reden, nicht nur als noch der Zauber des Anfangs währte, sondern auch nach viereinhalb Jahren; auf eigenen Wegen wandeln zu können, in der sicheren Gewissheit, dass dein und mein Weg sich immer wieder kreuzen; ein sanftes, nicht abreißendes Leuchten, wie ein Glühwürmchen, das durch die Dunkelheit schwebt.

Das klingt in meinen Ohren so viel verlockender als die große Lichtexplosion, zu der morgen kein Weg mehr zurückführt.

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Der schönste Strand der Welt

Okay, ich kenne natürlich nicht jeden einzelnen Strand auf dieser großen wunderschönen Welt. Und dennoch gibt es da den einen, bei dem mein Herz schneller schlägt, wenn ich an ihn denke, bei dem sich automatisch ein glückliches Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet und dem ich gerne eine Liebeserklärung machen möchte: der Dünenstrand von Corralejo.

Corralejo ist eine Stadt auf Fuerteventura. Südlich von Corralejo liegt der Parque Natural de las Dunas de Corralejo, eine Dünenlandschaft, die Naturschutzgebiet ist.

Dort kann man in einem der beiden Hotels absteigen, die direkt am Strand stehen (und der Schönheit dieses Fleckchens Erde zum Glück keinen Abbruch tun). Doch auch von Corralejo aus gelangt man problemlos zu den Grandes Playas, den großen Stränden. Es sind zwei Haltestellen mit dem Bus, bevor ich in der Wüste aussteige: Schaue ich nach rechts, sehe ich nichts als Sand. Ich gehe nach links, überquere die Straße und komme an dem Taxistand vorbei, an dem die spanischen Taxifahrer fröhlich beieinander stehen und sich unterhalten. Dann laufe ich über den Parkplatz. An dessen Ende angekommen, ziehe ich meine Schuhe aus. Ich stapfe durch den weißen weichen Sand und stehe am Meer. Am schönsten Strand der Welt.

Das türkisleuchtende Wasser erstreckt sich bis zum Horizont. Wo der Strand anfängt und aufhört, kann ich nicht sagen, denn wenn ich zur Seite schaue, scheinen Sand und Meer kein Ende zu nehmen.

Mich umgibt nichts als Weite. Die Dünen hinter mir, der strahlend blaue Himmel über mir, das glasklare Wasser vor mir. Meine Füße im Sand. In einiger Entfernung ragt die Isla de lobos, die Insel der Wölfe aus dem Meer. Die Wellen rollen sanft heran. Die Sonne scheint. Der Wind weht. Das Leben könnte nicht wundervoller sein.

Egal, ob man sich normalerweise ins Meer stürzt oder nicht: Hier muss man es tun. Bikini anziehen, Tasche und Handtuch im Sand parken, ins Wasser eintauchen.

Es ist flach und ich kann ziemlich weit ins Meer gehen und immer noch stehen. Auch als Erwachsener möchte man hier nichts als planschen, durchs Wasser tollen, sich treiben lassen, herumhüpfen.

Das Tollste sind die Wellen: Sie rollen heran, meist eher ein wenig bedächtig als stürmisch. Bevor sie auf den Strand treffen, nehmen sie Fahrt auf und schwappen mit Schwung an Land.

Deshalb steht auf meiner Liste der zehn schönsten Dinge, die man im Leben tun kann, nun Folgendes: Hier auf Fuerteventura im Meer stehen, gucken, wo die nächste Welle kommt, sich von ihr hochheben und ein Stückchen weiter Richtung Strand tragen lassen. Ohne Wucht, aber mit Schwung. Das macht solchen Spaß. Das ist ein Stück Glückseligkeit.

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Was euch verbindet

Ich weiß nie, ob ich lachen oder weinen soll, wenn Frauen auf die Frage nach ihrem Traummann betonen, dass er größer sein muss als sie selbst. Oder wenn Männer von der blonden – oder auch brünetten – Wallemähne träumen.

Genauso wie mich die Idee irritiert, dass eine Rechtsanwältin nur mit einem Mann glücklich werden kann, der ebenfalls einen Uniabschluss in der Tasche hat. Oder dass ein Sportler unbedingt eine Frau braucht, die ihre Zeit auch am liebsten im Fitnessstudio verbringt.

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